Projekte 2018 im Gespräch

DIY Mikro-Biogasanlage: Wie aus einer Idee eine gelebte Alternative werden kann

Im Hamburger Gängeviertel arbeiten Till Wolfer und Dirk Manns daran, eine Do-it-yourself Mikro-Biogasanlage zu entwickeln, die Kochgas für einen normalen Haushalt erzeugen kann. Wie kam es zu dieser Idee und wann wird die Anlage erstmals öffentlich in Aktion zu erleben sein?

Till Wolfert führt den Prototyp der Anlage vor


Die Idee für eine Mikro-Biogasanlage ist sicher nicht zufällig entstanden, sondern entsprang auch dem besonderen Umfeld, in dem Eure Designwerkstatt angesiedelt ist?

Till: Klar! Die Idee für ein autarkes Energiesystem wie die Mikro-Biogasanlage entsteht nicht zufällig, sondern hat sehr bewusste Ursprungspunkte:
Einmal natürlich die über 20jährige Praxis unseres Kollektivs N55: Unsere Projekte sind immer sehr konkrete Vorschläge, wie wir alle in Zukunft besser, gerechter und ökologisch verträglicher zusammenleben können. Wir entwerfen seit jeher „konkrete Utopien“. Vom laufenden Haus, über selbst herstellbare modulare Fahrzeuge bis hin zu autarken Energielösungen haben wir uns schon viele Systeme für die bessere Welt von morgen ausgedacht. Dabei sind das immer Systeme, welche die Nutzer*innen dazu befähigen, wieder selbst frei entscheiden zu können, wie sie wirklich leben wollen. Es sind oft Systeme, mit denen Personen ihre existentiellen Bedürfnisse wie Wohnen, Nahrung oder Energie wieder selbst decken können, was sie unabhängiger macht vom „gesellschaftlichen Normalvollzug“.
Der zweite Ursprungspunkt ist das selbstverwaltete Kulturquartier „Gängeviertel“, in dem sich auch unsere N55 Entwurfswerkstatt inklusive  Entwicklungslabor für die Biogasanlage befindet. Das Gängeviertel teilt ähnliche Ideale wie wir. Alle Aktiven dort wollen eine gelebte Alternative zum Business-As-Usual etablieren. Sie möchten einen Ort gestalten, der für alle offen ist, der viele Möglichkeiten zum niedrigschwelligen Mitmachen bietet und der Idee, kooperativ und gleichberechtigt zusammen zu leben und zu arbeiten Raum gibt. Viele interessante Initiativen bündeln sich dort: Von der offenen Theater-Probebühne über Food-Coop, Umsonst-Laden und offene Werkstätten/Ateliers bis zu selbstverwalteten Räumen für Kunst, Kultur und Politik. Natürlich befassen wir uns im Gängeviertel auch mit den Möglichkeiten, wie man lokale Gemeinschaften nachhaltig werden lassen kann: durch lokale Energieerzeugung, durch lokale geschlossene Stoffkreisläufe statt z.B. Lebensmittel-Import und Abfall-Export oder eine ökologisch sinnvolle Sanierung der denkmalgeschützten Bausubstanz.
Der konkrete Anlass eine Mikro-Biogasanlage zu entwerfen, war aber ein Abend bei dem ich mit Dirk zusammen saß …
 
Dirk: Als Till, ich und andere Freunde  eines Abends gemeinsam im Gängeviertel zum Kochen zusammen trafen, merkte ich "etwas süffisant" die - damals - nicht vorhandene Bioabfall-Trennung an. Als Wissenschaftlicher Mitarbeiter der TUHH beschäftigte ich mich damals gerade mit dem Thema dezentraler Verwertung von Bioressourcen und sah das brachliegende Potenzial. Till wollte sofort Fakten wissen und so saßen wir mit Stift und Taschenrechner zusammen. Aus den Unterlagen der Stadtreinigung  Hamburg konnten wir entnehmen, dass pro HH-Einwohner*in mindestens 100kg Bioabfall pro Jahr anfallen. Unsere Kalkulation ergab, dass dies theoretisch genügt, um den eigenen Bedarf an Kochgas zu decken. (Aus eigener Erfahrung wussten wir, dass wir mit 3-4 Personen ca. 2-3 Propangasflaschen im Jahr verbrauchen, wobei eine 11kg-Flasche Propangas 140 kWh und 400 kg Bioabfall  ca. 285 kWh Methanpotenzial entsprechen). Das war die Motivation: ein weiteres Puzzlestück zum energieautarken, (umwelt-)bewussten Leben.

Könntet Ihr bitte zur geplanten technischen Umsetzung schon etwas verraten?

Dirk: Im Gegensatz zu den weltweit, insbesondere in wärmeren Entwicklungsländern, weit verbreiteten Haushaltsbiogas-Fermentern ist die DIY-Mikro-Biogasanlage auch auf die Ansprüche moderner urbaner Gesellschaften im Niedrigtemperatur-Bereich ausgelegt. Durch Feststoffverfahren (SSAD – solid sate anaerobic fermentation) werden weniger Wasser und Platz benötigt und Batchbetrieb ermöglicht den hermetischen Verschluss gegen Gerüche (Austritt von Prozessgasen). Das alles sind Voraussetzungen für den Gebrauch auf limitiertem urbanen Raum, d.h. auch in-door im beheizten Haushalt. Der Feststoffanteil im DIY-Biogas-Reaktor beträgt 20-25%. Im Vergleich zu einer kontinuierlichen Haushalts-Biogas-Anlage (Stoffdichte >5%) wird dabei bis zu 10-facher Reaktorraum eingespart.

Wann ist der erste öffentliche Einsatz der Anlage geplant? 

Till: Die erste öffentliche Vorführung der Mikro-Biogasanlage planen wir für den Sommer 2019 zum jährlichen Gängeviertel-Geburtstags-Fest, voraussichtlich um das Wochenende des 24. & 25. August. Ein Programm mit Workshops zum Selberbauen einer eigenen DIY-Mikro-Biogas-Anlage soll dann zu einer Nachhaltigkeitswoche im Gängeviertel im frühen Herbst stattfinden -  voraussichtlich Anfang Oktober.